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Christliche Theologie

Unter natürlicher Gotteserkenntnis, natürlicher Theologie, allgemeiner Offenbarung verstand man in der christlichen Theologie von jeher dasjenige Wissen von Gott, das man außerhalb des konkreten göttlichen Offenbarungshandelns auf Grund der allgemeinen Rede der Menschen von Göttern und Göttlichem glaubte annehmen zu müssen. Barth hält die Anknüpfung des christlichen Denkens von Gott bei diesem angeblichen allgemeinen Wissen für einen verhängnisvollen Irrweg, weil hier wichtige Bestimmungen aus dem, was der Mensch von sich aus zu wissen meint, gewonnen werden. Die Offenbarung will den Menschen von seinen eigenen Phantasien über Göttliches gerade wegholen. Darum stehen Religion und Evangelium nicht in Harmonie, sondern in Gegensatz. Auch das historisch vorfindliche Christentum ist Religion und muss sich immer neu unter die Kritik des Evangeliums stellen. Das war für Barth das eigentliche Thema des deutschen Kirchenkampfes, wie er es in der wesentlich von ihm verfassten grundlegenden Barmer Erklärung von 1934 kennzeichnete.

Wir redeten also, indem wir von Gottes Ur- und Grundwillen, von seiner in und mit der Schöpfung geschehenen, aber die Schöpfung transzendierenden ersten Tat redeten, nicht im Blick auf so etwas wie eine von Jesus Christus zu unterscheidende, weil real unterschiedene Uroffenbarung, nicht im Blick auf irgendwelche Ergebnisse eines Selbstverständnisses und einer Selbstwürdigung der menschlichen Vernunft oder Existenz und nicht im Gedanken an irgendwelche Beobachtungen und Feststellungen hinsichtlich der in der Natur und in der menschlichen Geschichte waltenden Gesetze und Ordnungen und erst recht nicht unter Bezugnahme auf eine dem Menschen angeblich oder wirklich eigentümliche religiöse Anlage. Es gibt nur eine Offenbarung. Eben sie ist auch die Offenbarung des Bundes, des göttlichen Ur- und Grundwillens. Wie sollte uns dieser sonst und an sich offenbar sein? Der Begriff einer Uroffenbarung, die von der einen in Jesus Christus zu unterscheiden, weil real unterschieden wäre, ist ein vollkommen leerer Begriff.

Mit einem Wort: der Gnadenbund des Anfangs, die Voraussetzung der Versöhnung, ist keine Entdeckung und Aufstellung natürlicher Theologie. Abseits von Jesus Christus und ohne ihn würden wir von Gott und vom Menschen und ihrem Verhältnis gar nichts und am wenigsten das zu sagen haben: dass ihr immer schon vorauszusetzendes Verhältnis das eines Gnadenbundes sei. Es gibt, gerade weil er Gnadenbund ist, keine vom Menschen her zu machende Entdeckung und keinen von ihm her zu vollziehenden Aufweis des Bundes. Er ist als Gnadenbund weder einer menschlichen Selbstbesinnung irgendwelcher Art, noch einem menschlichen Fragen nach dem Sinn und Grund des Kosmos oder der Geschichte zugänglich. Gnade ist uns unzugänglich: wie wäre sie sonst Gnade? Gnade kann sich nur selbst zugänglich machen. Gnade kann man sich nicht in Erinnerung rufen. Erinnerung an sie kann nur ihr eigenes Werk sein. Erkenntnis der Gnade ist immer selbst Gnade.

Eben indem Gott sich in diesem Akt zu unserem Gegenstand und uns zu Erkennenden seiner selbst setzt, ist es ausgemacht, dass unser Erkennen Gottes nur darin bestehen kann, daß wir diesem Akt folgen, dass wir selbst eine Entsprechung dieses Aktes, dass wir also mit unserer ganzen Existenz und so auch mit unserem Anschauen und Begreifen der dem göttlichen Akt entsprechende menschliche Akt werden. Das ist Gehorsam, der Gehorsam des Glaubens. Eben als dieser Gehorsams akt und nur als dieser Gehorsamsakt ist Gotteserkenntnis Glaubenserkenntnis und damit wirkliche Erkenntnis Gottes. Wäre sie etwas anderes, fiele sie aus dem Gehorsam und damit aus dem Glauben heraus, so würde sie Gott verfehlen, würde sie Gotteserkenntnis gar nicht sein. Denn Gott will erkannt sein als der, der er ist. Eben als der, der er ist, handelt er aber. Eben als dieser Handelnde will er aber erkannt sein.