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Mrz 31

Gottverbundenheit des Menschen

Natürliche Theologie ist die Lehre von einer auch ohne Gottes Offenbarung in Jesus Christus bestehenden Gottverbundenheit des Menschen; sie entwickelt die auf Grund dieser selbständigen Gottverbundenheit mögliche und wirkliche Gotteserkenntnis und deren Konsequenzen für das ganze Verhältnis von Gott, Welt und Mensch. Das ist ein im Bereich des Menschen als solchen – vorausgesetzt, dass es einen solchen Bereich gibt und dass er also der Gegenstand ernstlicher Betrachtung werden kann – notwendiges Unternehmen. Dieser Bereich (was auch von seinem Charakter als Wirklichkeit oder Illusion zu denken sei) entsteht und besteht, indem sich der Mensch Gott gegenüber auf sich selbst, damit aber, indem ihm Gott in Wahrheit jetzt unerkennbar wird, sich faktisch Gott gleich stellt. Gott wird ihm, der sich seiner Gnade entzogen hat, zum Inbegriff dessen, was er selbst als das Höchste suchen, wählen, schaffen und sein kann. Eben darüber gibt er sich in der natürlichen Theologie Rechenschaft. Er muss das tun, weil eben das die Selbstauslegung und Selbstrechtfertigung des Seins des Menschen in diesem Bereiche ist.

Dieses Zu-uns-Kommen der Wahrheit ist eben die Offenbarung. Sie trifft uns aber nicht in einem neutralen Zustand, sondern in einem Tun, das zu ihr als dem Zu-uns-Kommen der Wahrheit in einem ganz bestimmten, ja entschiedenen Verhältnis steht. Sie trifft uns nämlich als religiöse Menschen, d. h. sie trifft uns mitten in jenem Versuch, Gott von uns aus zu erkennen. Sie trifft uns also nicht in dem ihr entsprechenden Tun. Das der Offenbarung entsprechende Tun müsste ja der Glaube sein: die Anerkennung der Selbstdarbietung und Selbstdarstellung Gottes. Wir müssten es sehen, dass im Blick auf Gott all unser Tun umsonst ist auch in dem besten Leben, d. h. dass wir von uns aus nicht in der Lage sind, die Wahrheit zu ergreifen, Gott und unseren Herrn sein zu lassen. Wir müssten also auf alle Versuche verzichten, diese Wahrheit nun doch ergreifen zu wol¬len. Wir müssten einzig und allein dazu bereit und entschlossen sein, die Wahrheit zu uns reden zu lassen und also von ihr ergriffen zu werden.

Dazu sind wir aber gerade nicht bereit und entschlossen. Gerade der Mensch, zu dem die Wahrheit wirklich gekommen ist, wird zugestehen, dass er keineswegs bereit und entschlossen war, sie zu sich reden zu lassen. Gerade der Glaubende wird nicht sagen, dass er aus dem Glauben zum Glauben gekommen sei, sondern eben – aus dem Unglauben. Obwohl und indem doch die Haltung und das Tun, das er der Offenbarung entgegenbrachte und noch entgegenbringt, Religion ist. Aber eben die Religion des Menschen als solche wird durch die Offenbarung, wird im Glauben an die Offenbarung aufgedeckt als Widerstand gegen sie. Religion von der Offenbarung her gesehen wird sichtbar als das Unternehmen des Menschen, dem, was Gott in seiner Offenbarung tun will und tut, vorzugreifen, an die Stelle des göttlichen Werkes ein menschliches Gemachte zu schieben, will sagen: an die Stelle der göttlichen Wirklichkeit, die sich uns in der Offenbarung darbietet und darstellt, ein Bild von Gott, das der Mensch sich eigensinnig und eigenmächtig selbst entworfen hat.