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Nov 26

Menschliche Erkenntnis über Glauben

In diesem Sinn darf gerade das göttliche Urteil, das hier zu hören und anzunehmen ist, auch als ein Schutz gegen alle Verständnislosigkeit und Barbarei bezeichnet werden. Nicht zu einer wohlfeilen und kindischen Resignation gegenüber dem, was menschlich groß ist, ruft es uns auf, sondern zu einem männlichen Wissen um dessen wirkliche und letzte Grenze, die nicht wir ihm zu setzen haben, sondern die ihm gesetzt ist. Im Raum der Ehrfurcht vor Gott wird die Ehrfurcht vor menschlicher Größe immer ihre Stelle haben müssen: sie unterliegt Gottes, sie unterliegt nicht unserem Gericht, Sie (die Religion) ist der ohnmächtige, aber auch trotzige, übermütige, aber auch hilflose Versuch, mittels dessen, was der Mensch wohl könnte aber nun gerade nicht kann, dasjenige zu schaffen, was er nur kann, weil und wenn Gott selbst es ihm schafft: Erkenntnis der Wahrheit, Erkenntnis Gottes. Dieser Versuch kann also nicht etwa dahin gedeutet werden, dass der Mensch in ihm mit Gottes Offenbarung harmonisch zusammenwirke, dass Religion etwa die ausgestreckte Hand sei, die dann von Gott in seiner Offenbarung gefüllt werde. Man kann auch von dem offenkundig vorhegenden religiösen Vermögen des Menschen nicht sagen: es sei sozusagen die allgemeine Form menschlicher Erkenntnis, die dann in Gestalt der Offenbarung und des Glaubens ihren eigentlichen und wahren Inhalt empfange. Sondern um einen ausschließenden Widerspruch geht es hier: in der Religion wehrt und verschließt sich der Mensch gegen die Offenbarung dadurch, dass er sich einen Ersatz für sie beschafft, dass er sich vorwegnimmt, was ihm in ihr von Gott gegeben werden soll. Das Vermögen zu solchem Tun hat er wohl. Aber was er auf Grund dieses Vermögens erreicht und erlangt, das ist nimmer mehr die Erkenntnis Gottes als Gott und Herr, und also nimmer mehr die Wahrheit, sondern durchgehend und gänzlich eine Fiktion, die mit Gott selbst nicht nur wenig, sondern nichts zu tun hat, ein Gegengott, der erst als solcher erkannt werden und fallen muss, wenn die Wahrheit zu ihm kommt, der aber als solcher und als Fiktion nur erkannt werden kann, indem die Wahrheit zu ihm kommt.