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Apr 11

Urteil Gottes

Religion ist Unglaube; Religion ist eine Angelegenheit, man muss geradezu sagen: die Angelegenheit des gottlosen Menschen . . . Dieser Satz kann nach dem Vorangehenden nichts zu tun haben mit einem negativen Werturteil. Er enthält kein religionswissenschaftliches und auch kein religionsphilosophisches Urteil, das in irgendeinem negativen Vorurteil über das Wesen der Religion seinen Grund hätte. Er soll nicht nur irgendwelche andere mit ihrer Religion, sondern er soll auch und vor allem uns selbst als Angehörige der christlichen Religion treffen. Er formuliert das Urteil der göttlichen Offenbarung über alle Religion. Er kann darum wohl erklärt und erläutert, aber weder aus einem höheren Prinzip als eben aus der Offenbarung abgeleitet, noch an Hand einer Phänomenologie oder Geschichte der Religion bewiesen werden.

Er bedeutet, gerade weil er nur das Urteil Gottes wiedergeben wollen kann, kein menschliches Absprechen über menschliche Werte, keine Bestreitung des Wahren, Guten und Schönen, das wir bei näherem Zusehen in fast allen Religionen entdecken können und das wir natürlich in unserer eigenen Religion, wenn wir ihr überzeugt anhängen, in besonders reichem Maß zu finden meinen. Wo es sich schlicht darum handelt, dass der Mensch von Gott angegriffen, von Gott verurteilt und gerichtet ist, da sind wir freilich in der Wurzel, im Herzen getroffen, da steht freilich das Ganze und Letzte unserer Existenz in Frage, da kann aber gerade darum die wehmütige oder auch wehleidige Klage über Verkennung relativer menschlicher Größe keinen Raum haben.

Da kann es sich, wie wir warnend hinzuzufügen nicht unterlassen wollen, auch nicht darum handeln, gegenüber der menschlichen Größe, wie sie uns gerade auf dem Feld der Religion so ergreifend begegnet, ein Barbar, ein christlicher Herostrat zu werden. Es hatte und hat freilich seine Notwendigkeit und seinen guten Sinn, wenn in Zeiten eines wachen christlichen Empfindens zum Schmerz aller Ästheten heidnische Tempel dem Erdboden gleichgemacht, Götter und Heiligenbilder zerstört, Glasmalereien entzweigeschlagen, Orgeln ausgeräumt wurden. Obschon der Humor es dann manchmal wollte, dass eben an Stelle dieser Tempel und eben aus ihren Säulen und Zierraten alsbald christliche Kirchen gebaut wurden und auf den Bildersturm nach einiger Zeit in anderer Form eine neue Bilderaufrichtung erfolgen musste.

Eben das zeigt aber, dass die Abwertung und Negation des Menschlichen im Einzelnen wohl gelegentlich praktische, zeichenhafte, aber nie grundsätzliche und allgemeine Bedeutung haben kann. Und auch nicht haben darf! Wir können ja das göttliche Urteil: Religion ist Unglaube, nicht sozusagen ins Menschliche, in die Form bestimmter Abwertungen und Negationen übersetzen, sondern wir müssen es, auch wenn es je und je in Gestalt bestimmter Abwertungen und Negationen sichtbar zu machen ist, als göttliches Urteil über alles Menschliche stehen und gelten lassen. Ganz scharf und genau, wie es gemeint ist, werden es sogar nur diejenigen hören und verstehen können, die mit diesem Menschlichen als solchem durchaus nicht ohnehin fertig sind, denen es vielmehr etwas wert ist, die mindestens ahnend wissen, was es bedeutet, die Welt der Götter Griechenlands oder Indiens oder die Welt der Weisheit Chinas oder auch die Welt des römischen Katholizismus oder auch unsere eigene protestantische Glaubenswelt als solche in dem umfassenden Sinn jenes göttlichen Urteils wirklich preiszugeben. In diesem Sinn darf gerade das göttliche Urteil, das hier zu hören und anzunehmen ist, auch als ein Schutz gegen alle Verständnislosigkeit und Barbarei bezeichnet werden.